»Was zieht den fremden Besucher auf den Friedhof? Ist es das Schweigen, in das er unversehens gerät, Trauer, Erinnerung, das Gefühl der angehaltenen, festgestellten Zeit? Bedächtig geht er zwischen den Gräbern umher, besieht sich diesen Stein oder jenen, sucht nach Namen und Inschriften, Gleichaltrigen vielleicht, die schon aus dem Rennen sind. Ist es nicht eine heimliche Genugtuung, allein unter den Toten zu sein? Da liegen sie zu seinen Füßen, dicht beieinander, einer neben dem anderen, sorgsam aufgereiht, eine regungslose Gesellschaft. Er allein kommt und geht, wie es ihm gefällt, schlendert zwischen ihnen umher, gelassen und aufrecht, ein freier Gast.«
-- Wolfgang Sofsky
Berlin besitzt über 264 Friedhöfe, von denen viele historisch sehr interessant sind. Zu ihnen zählen nicht zuletzt der Dorotheenstädtische Friedhof, der Luisenstädtische Friedhof oder die beiden jüdischen Friedhöfe. Auf ihnen liegen Hegel und Fichte nebeneinander begraben - so wollte es Hegel. Auch Henriette Herz liegt hier, die in ihrem Salons bedeutende Denker und Dichter zu Gast hatte, ebenso wie Rudi Dutschke und Professor Helmut Gollwitzer - beides aufrechte Kämpfer für eine klügere Welt. Somit sind Berlins Friedhöfe nicht nur Orte der Ruhe, sondern auch greifbare Überbleibsel, erfahrbare Geschichte - nicht nur für Berlin.
Der Dorotheenstädtische Friedhof in der Chausseestraße beispielsweise ist nicht nur einer der schönsten in Berlin mit vielen kunsthistorisch bemerkenswerten Grabanlagen, sondern ist gleichzeitig Ruhestädte viele bekannter Persönlichkeiten der berliner, preußischen und deutschen Geschichte. Er wird deshalb auch als "Prominentenfriedhof" bezeichnet und ist für künstlerisch und historisch interessierte Besucher auf jeden Fall sehenswert. Die Namen der hier bestatteten Größen scheinen kein Ende zu nehmen, trotz dem der Friedhof selbst nicht ungewöhnlich groß ist. Hier finden Sie unter anderem die letzten Ruhestätten von Johannes R. Becher, Wilhelm Beuth - dem "Vater der preussischen Industrie", Auguste Boeckh - des Begründers der modernen klassischen Philosophie, die Gräber von Berthold Brecht, des Architekten Gottlob Christian Cantian, des Komponisten Paul Dessau, des Komponisten Hanns Eichler (der u.a. für den Text der Nationalhymne der DDR verantwortlich war), des Philosophen Johann Gottlieb Fichte, des Fotografen John Heartfield, die Ruhestätten von Ernst Litfass - der die gleichnamige Litfass-Säule erfand, Johann Gottfried Schadow - der die Quadriga auf dem Brandenburger Tor schuf, Anton Schievelbein, Karl Friedrich Schinkel - des wohl größten deutschen Architekten, der Autorin Anna Seghers, Wilhelm Hufeland, Helene Weigel-Brecht, sowie die Gräber von Rauch, Tieck, Borsig und Arnold Zweig.
Der Kirchhof wurde 1763 für die Dorotheenstädtische und Friedrichswerdersche Kirche angelegt - daher der Name. Er liegt gleich hinter dem Oranienburger Tor. Die ersten Bestattungen fanden im Jahre 1770 statt. Der Friedhof ist zwischen 1814 und 1826 mehrmals vergrößert worden. In den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts wurde er zeitweise wegen Überfüllung geschlossen. Aufgrund von Umbauarbeiten an der Hannoverschen Straße wurden 1889 die Grabstellen von Hegel, Fichte, Klenze und anderen an ihren jetzigen Ruheort umgebettet.
Im zweiten Weltkrieg wurde der Dorotheenstädtische Kirchhof stark zerstört. Seit 1950 pflegt und schützt die Denkmalpflege die erhaltenswürdigen Grabmale. Außer der Dorotheenstädtischen Gemeinde besaß noch die ehemalige Akademie der Künste der DDR das Recht, hier Bestattungen vorzunehmen. In dieser traditionellen Begräbnisstätte deutscher Künstler, Gelehrter und Politiker ist die Berliner Grabmalkunst des 19. Jahrhunderts fast vollständig vertreten.
Den Dorotheenstädtischen Friedhof finden Sie in der Chausseestraße in Berlin Mitte. Er ist werktags von 8.00 bis 16.00 Uhr zugänglich.
Der so genannte Sozialistenfriedhof, der eigentlich Zentralfriedhof heißt und im Stadtteil Friedrichsfelde liegt, beherbergt die letzten Ruhestätten vieler bekannter Sozialisten. Er wurde 1881 als Armenfriedhof eröffnet und diente bald als bekannte Beisetzungsstätte für Sozialdemokraten, Sozialisten und Kommunisten. Nach der Beisetzung von Wilhelm Liebknecht hatte er seinen Beinamen "Sozialistenfriedhof" entdgültig etabliert. Hier finden alljährlich die Gedenkfeiern für Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht statt, die beide hier beerdigt sind. Neben ihnen finden Sie hier auch die Gräber von Rudolf Breitscheid (SPD-Führer), Simon Blad (wohltätiger Kaufmann), Käthe Kollwitz (Grafikerin und Widerstandskämpferin im 2. Weltkrieg), Franz Mehring, Erich Mielke (Stasi-Chef), Ernst Thälmann (KPD-Führer), Erich Weinert (Schriftsteller), Friedrich Wolf, Walter Ulbricht und Konrad Wolf.
Wer sich für die deutsche Geschichte interessiert, kommt am Berliner Dom mit Sicherheit nicht vorbei. Die Die Geschichte des Berliner Doms - der eigentlich "Oberpfarr- und Domkirche zu Berlin" heißt - begann um 1465. Damals erhob Pabst Paul II, die mit einer Pfarrstelle ausgestattete St. Erasmus Kapelle im neu erbauen kurfürstlichen Schloss zu Cölln an der Spree zum Kollegialstift. Der damals üblichen Bezeichnung solcher Stiftskirchen als "Domkirche" verdankt der Berliner Dom seinen heutigen Namen. Im Jahre 1536 verlegte Kurfürst Joachim II das Domstift in die ehemalige Dominikanerkirche südlich des Schlosses. Die Mönche wurden nach Brandenburg/Havel umgesiedelt. 1539 führte der Kurfürst mit Luthers Unterstützung die Reformation ein und der Dom wurde zur lutherischen Kirche. 1608 wurde das Domkapitel aufgelöst und der Dom zur obersten Pfarrkirche in Cölln an der Spree erklärt. 1613 schließlich trat Kurfürst Johann Sigismund mit seinem Sohn und einem Teil des Hofstaates zum Calvinismus über und der Dom wurde zur reformierten Hof- und Pfarrkirche. 1747-1750 ließ Friedrich der Große närdlich des Stadtschlosses - dem heutigen Standort des Doms - einen barocken Neubau errichten. Nachdem die Särge aus der Gruft des alten baufälligen Doms umgesetzt waren, wurde dieser abgerissen. Später wurde der Dom innen und außen erneuert - der klassizistische Umbau war 1822 abgeschlossen.
In der Gruft des Berliner Doms befinden sich die letzten Ruhestätten vieler historischer Persönlichkeiten - darunter Prinz Friedrich Wilhelm Carl - Sohn von Friedrich Wilhelm II und Großvater von Ludwig II von Bayern, Sophie Charlotte von Hannover - der Schwester von König Georg I von England, Friedrich Heinrich von Hohenzollern - des letzten Markgrafen von Brandenburg, Friedrich I von Preussen - des preussischen Königs, König Friedrich Wilhelm II von Preussen - Enkel der Königin Sophie, sowie seiner Großmutter Königin Sophie Dorothea von Hannover, aber auch zeitgenössischer Größen wie etwa Nathaly Van Het Ende und Maria Serrano-Serrano - beides Mitglieder des deutschen Trios "Passion Fruit". Beide wurden im Jahre 2001 auf einer Reise nach Zürich bei einem Flugzeugabsturz getötet.
Den Berliner Dom finden Sie mitten im östlichen Zentrum Berlins, direkt neben dem Palast der Republik am Ende der Bummelmeile "Unter den Linden". Neben der Gruft und dem schön gestalteten Inneren lädt der Dom auch zum Erklimmen der Domkuppel ein. Von dort aus hat man einen sehr schönen Blick auf das Zentrum Berlins und den Lustgarten.
Der jüdische Friedhof in Weißensee ist wegen seiner kunstvoll gestalteten Grabstätten außerordentlich sehenswert. Er wurde nach Plänen des Architekten Hugo Licht gestaltet, der die gelben Backstein-Gebäude (an dessen Renovierung habe ich während meiner Zimmermanns-Lehre mitgearbeitet) und das Arrangement der Grabfelder in Dreiecke, Rechtecke und Trapeze entwarf. Er wurde 1880 eingeweiht und ist der größte seiner Art in Berlin, einer der größten jüdischen Friedhöfe Europas. Über 115.000 Berliner sind hier bestattet. Gleich hinter dem Eingang findet der Besucher einen Gedenkstein für die 6 Millionen von den Nationalsozialisten ermordeten Juden. Die Namen aller Konzentrationslager sind auf kreisförmig aufgestellten Stelen eingraviert. Zu den zahlreichen bekannten Persönlichkeiten, die hier ihre letzte Ruhestätte gefunden haben, zählen Leo Baeck, Herbert Baum, Hermann Cohen, Charlotte und Richard Holzer, Joseph Schwartz, Lesser Ury, Theodor Wolff und die Verleger Samuel Fischer und Rudolf Masse.
Traditionellerweise sind jüdische Grabsteine schmucklos gehalten, um die Gleichheit aller Menschen im Tode zu versinnbildlichen. Im 19. Jahrhundert jedoch begannen sich die in Berlin ansässigen Juden hinsichtlich der Gestaltung ihrer Grabstätten an den prächtigen Grabgestaltungen des Wilhelminismus zu orientieren. Die vielen kunstvollen Grabmale tragen davon Zeugnis. Zu den herausragendsten Gestaltungen zählt die von Walter Gropius entworfenen Grabstätte für Albert Mendel oder das Grab der Familie Panowsky, das von Ludwig Hoffmann geschaffen wurde.
Den jüdischen Friedhof Weißensee finden Sie in der Herbert-Baum-Straße 45 in
13088 Berlin-Weißensee. Er ist werktags zumeist von 8.00 bis 16.00 Uhr geöffnet. An jüdischen Feiertagen ist er geschlossen.
Kirchhof der Georgengemeinde - Greifswalder Straße. Nah am Alexanderplatz gelegen, weist der zweite Friedhof der Georgengemeinde - der erste von 1693 in der Kleinen Alexanderstr. wurde für den Kasernenbau durch Friedrich II. enteignet - weist ein Reihe bemerkenswerter Grabanlagen auf.
Wie der alte Friedhof der St. Marien- und Nikolaigemeinde wurde auch der 1814 angelegte Friedhof I der Georgen-Parochialgemeinde auf Beschluß des Magistrats im Jahre 1970 geschlossen und nach Verhandlungen mit dem Berliner Senat 1991 wieder eröffnet. Der Friedhof hat verschiedene Entwicklungsphasen durchlaufen, die sich in den verschiedenen Bereichen der Grabanlagen widerspiegeln: Grabfelder mit zum Teil künstlerische wertvollen Einzelgrabstellen im Richtung Greifswalder Straße; eine beträchtliche Anzahl von Wandgräbern und Mausoleen im nördlichen und westlichen Bereich (besonderes bemerkenswert ist hier das Mausoeum Zeitler samt Ausstattung und die vielgestaltigen schmiede- und gußeisernen Gittern der Grabeinfassungen), sowie eine L- förmige Wandgrabreihe, die die Grende des Friedhofes vor der ersten Erweiterung markiert.
Auf dem Kirchhof der Georgengemeinde liegen der Bankier Paul Bercht (1847-1899) samt Familie begraben - das Grab wird verziert von einer Grabwand mit Christusfigur von Adolf Brütt. Auch der Kapellmeister und Komponist August Eduard Moritz Conrady hat hier seine letzte Ruhe gefunden. Von ihm stammt "Berlin wie es weint und lacht".
Besonders sehenswert ist das Mausoleum Zeitler, in welchem der Architekt Carl Ludwig Zeitler (1835-1910) ruht. Das Mausoleum ist ein ganitverkleideter Gruftbau, der zwischen 1871 und 1875 entstand und in den Jahren 1997/98 restauriert wurde. Die Gruft trägt an einer Seite eine Inschrift der Steinmetze, die über die sozialen Auseinandersetzungen jener Zeit berichten.
Den Kirchhof der Georgengemeinde finden Sie in der Greifswalder Str. 229, 10405 Berlin.
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